„Vor etwa tausend Jahren wurde in Persien eine Gemeinschaft gegründet, welche sich Gesellschaft der Freunde nannte. Die Freunde trafen sich zu stiller Begegnung mit dem Allmächtigen. Sie gliederten die göttliche Philosophie in zwei Arten: Wissen der ersten Art kann durch Unterricht und Studium an Schulen und Universitäten erworben werden. Die zweite Art der Philosophie war die der Illuminaten oder Anhänger des inneren Lichts. Die Lehrstunden für diese Philosophie wurden in aller Stille abgehalten. Man meditierte und wandte das Angesicht der Quelle des Lichts zu; so strahlten von diesem Mittelpunkt des Lichts her die Geheimnisse des Reiches Gottes in den Herzen dieser Menschen wider. Alle theologischen Probleme wurden durch die Kraft der Erleuchtung erhellt. Die Gesellschaft der Freunde wuchs stark in Persien, und bis zum heutigen Tage bestehen ihre Versammlungen. Ihre Führer schrieben viele Bücher und Episteln. Wenn sie sich in ihrem Versammlungshaus treffen, sitzen sie still in sich versunken da. Der Leiter beginnt mit einem bestimmten Vorschlag und sagt zu den Versammelten: Denkt über diese Frage nach! Nachdem sie ihren Geist von allem anderen losgelöst haben, sitzen sie da, denken nach und nach kurzer Zeit liegt die Antwort klar vor
Abdu'l-Bahá
„Manche Männer und Frauen freuen sich über ihre erhabenen Gedanken, doch wenn diese Gedanken nie in die Ebene der Taten kommen, bleiben sie zwecklos: die Macht des Denkens hängt, von dessen Äußerung in Taten ab. Die Gedanken eines Philosophen mögen sich zwar in der Welt des Fortschritts und der Entwicklung in Handlungen anderer Menschen auswirken, auch wenn die Philosophen selber unfähig oder nicht bereit sind, ihre großen Ideale im eigenen Leben zu bekunden. Zu dieser Klasse gehört die Mehrzahl der Philosophen da ihre Lehren hoch über ihren Taten stehen. Dies ist der Unterschied zwischen den Philosophen, die geistige Lehrer, und denen, die nur Philosophen sind: der geistige Lehrer ist der erste, der die eigenen Lehren befolgt; er bringt seine geistigen Begriffe und Ideale herab in die Welt des Handelns. Seine göttlichen Gedanken werden der Welt kund gemacht. Er selber ist sein Denken, von dem er nicht zu trennen ist. Wenn wir einen Philosophen finden, der die Bedeutung und Größe der Gerechtigkeit hervorhebt und dann einen raubgierigen Herrscher in seiner Unterdrückung und Gewalttätigkeit ermuntert, werden wir rasch erkennen, daß er zur ersten Klasse zählt, denn er denkt himmlische Gedanken und übt nicht die entsprechenden himmlischen Tugenden.
Abdu'l-Bahá
„Das Wesen und die Grundlagen der Philosophie stammen von den Propheten. Daß die Menschen sich im Hinblick auf die inneren Bedeutungen und Geheimnisse der Philosophie voneinander unterscheiden, ist der Verschiedenartigkeit ihrer Ansichten und ihres jeweiligen Verstandes zuzuschreiben. Wir möchten dir folgendes erzählen: Einmal gab einer der Propheten Seinem Volk weiter, was der Allmächtige Herr Ihm eingegeben hatte. Wahrlich, dein Herr ist der Eingeber, der Gnädige, der Erhabene. Als der Springquell weiser Beredsamkeit aus dem Born Seiner Worte strömte und der Wein göttlichen Wissens alle berauschte, die Seine Schwelle gesucht hatten, da rief Er: »Siehe da! Alle sind vom Geist erfüllt.« Im Volk aber war einer, der sich an diese Feststellung klammerte und, von seinem eigenen Wahn getrieben, die Idee ersann, daß der Geist buchstäblich in den Leib eindringt oder hineinfährt. In langen Abhandlungen brachte er Beweise vor, diese Vorstellung zu untermauern, und Gruppen des Volkes folgten seinen Fußstapfen. Ihre Namen hier zu erwähnen oder dir einen umfassenden Bericht zu geben, wäre weitschweifig und brächte uns vom Hauptthema ab. Wahrlich, dein Herr ist der Allweise, der Allkennende. Aber es gab auch denjenigen, der an dem erlesenen Wein teilhatte, erschlossen und entsiegelt von der Zunge Dessen, Der der Enthüller ist der Verse deines Herrn, des Gnädigen, des Großzügigsten.
Bahá'u'lláh